Mittwoch, 22. November 2017
 
Donnerstag, 27. Oktober 2011
Überall sterben die Dorf-Gasthäuser – Aber das kleine Schollbrunn schwimmt gegen den Strom
„Wenn es den ‚Hirsch’ nicht gäbe, wären wir ein ganz armes Dorf“

Waldbrunn-Schollbrunn. „Wenn es den ‚Hirsch’ nicht gäbe, wären wir ein ganz armes Dorf“, sagt Hermann Münch und nimmt erleichtert einen Schluck. Erleichtert ist der überzeugte Landbewohner, der vor einem Vierteljahrhundert in seinem Heimatort einen Stammtisch aus der Taufe gehoben hat, dass die Monate der Unsicherheit vorbei sind. Ende des vergangenen Jahres hatte das letzte Gasthaus in Schollbrunn seine Pforten geschlossen. „Eine Katastrophe“, so empfand das auch Dieter Führing. Der pensionierte Berufsschullehrer stammt zwar aus Bielefeld und zog mit seiner Frau erst vor zehn Jahren in den Odenwald, aber die Möglichkeit, sich auf ein Glas Bier, Wein oder ein regionales Menü zu treffen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, das hätte er denn doch schmerzlichst vermisst. Ganz zu schweigen davon, so führt Hans-Peter Schupp an, dass auch so eine Art sozialer Treffpunkt verschwunden wäre. Ein Ort, um Beerdigungen würdig abzuschließen, anlässlich von Hochzeiten, Kommunionen oder Konfirmationen die Gemeinschaft zu pflegen, aber auch als Nachrichtenzentrale und die Chance zu erfahren, was so passiert um einen herum.

Um ein Haar wäre das eine der Geschichten geworden, die sich derzeit überall abspielen. Ein Drittel der Restaurants und Gasthöfe im Neckar-Odenwald-Kreis haben schon aufgegeben. Ein weiteres Drittel ist gefährdet. Die kleine Bankfiliale, die Post, das Einzelhandelsgeschäft, aber auch den Bäcker oder Metzger gehören in den kleineren Kommunen längst schon der Vergangenheit an, ohne dass die Menschen sich in der Lage sahen, viel dagegen zu unternehmen. In Sachen Gasthaus ist es nicht so weit gekommen. „Gottseidank haben wir ihn wieder, unseren Ort für den Zusammenhalt“, freut sich Artur Baumbusch. Für ihn ist die Wirtschaft ein unverzichtbares Zentrum des Dorflebens. Der frühere Leiter des Mosbacher Tiefbauamtes freut sich, dass zur richtigen Zeit die richtigen Menschen zusammengefunden haben und sich dem Trend entgegen stemmen. Denn, so zitiert er einen RNZ-Artikel von vor wenigen Tagen, „Stirbt das Dorf-Gasthaus, stirbt das Dorf“.

Was ist geschehen? Da gab es zum einen den von Hermann Münch begründeten Stammtisch, der jeweils am Dienstag in der damals noch geöffneten Schollbrunner „Linde“ tagte. Dann gab es kaum 100 Meter entfernt Frank Nuscheler und den „Hirsch“. Der gebürtige Münchner lebt zwar seit mehr als 22 Jahren in Dörfchen und hat gemeinsam mit Hans Hertle und seiner Familie den über 200 Jahre alten Gasthof mustergültig und baubiologisch saniert, aber dort eine regelmäßig geöffnete Wirtschaft zu etablieren, das kam dem Caterer lange nicht in den Sinn. „Ich wollte und konnte keine Konkurrenz sein zum bereits Bestehenden“, erklärt der 53-Jährige. Dazu kommt, dass die Parties und Feste, die er in der ganzen Region mit seinen kulinarischen Köstlichkeiten bedenkt und organisiert, vorzugsweise am Wochenende seinen ganzen Einsatz erfordern. Auch die Feiern im „Hirsch“ oder das dortige Kulturbrunch einmal im Monat finden meist samstags und sonntags statt. Gleichwohl empfand der Sohn eines Küchenmeisters, der seinen Beruf als Kellner, Koch, Betriebswirt der Hotellerie von der Pike auf und in der ganzen Welt gelernt hat, die Schließung des letzen Gasthauses in seiner Wahlheimat als „Verlust eines Kulturgutes“.

Entstanden ist aus all dem vor nunmehr sechs Wochen eine Art Kompromiss. Donnerstags und Freitags ab 18 Uhr bis „der letzte Gast geht“, hat der „Hirsch“ seine Holzofenstube geöffnet. Auf der Karte findet sich neben Grünkernburgern, Salat-Teller auch Bratwürste und Rumpsteak von Rindern aus der Katzenbuckelregion. Getränke gibt es, was das Herz begehrt, Wasser, Säfte, Wein und Weizen ebenso wie das Bier regionaler Brauereien, das konventionell hergestellt wurde. Zu den eher gängigen Gerichten kommt ein wöchentlich wechselndes viergängiges Menü, wo Frank Nuschler nach Herzenslust seine ureigene innovative und international inspirierte Küche zelebrieren kann. Da gibt es dann beispielsweise Thailändischen Gemüse-Wok mit regionalem Geflügel und Basmati-Reis oder orientalische Kichererbsenplatte, aber auch Lammbraten aus dem Odenwald mit frischen Semmelknödeln und Ratatouille-Gemüse. „Die Mischung stimmt“, hat Artur Baumbusch festgestellt. Das gilt für die Städter aus Mannheim und Heidelberg, die einen Ausflug auf die malerischen Höhen machen ebenso wie für die Schollbrunner. Allen gefällt, dass der Wirt sich in allererster Linie als Gastgeber versteht, unabhängig davon, wer was und wieviel konsumiert. Und auch, dass vieles so geblieben ist, wie es noch manche von ihnen in Erinnerung haben. Ein Foto erinnert an den Wirt, der 1866 den letzten Wolf in Süddeutschland schoss, Stühle, Bänke und Tische sind fast antik, das Ambiente gemütlich.

Ausbaufähig, flexibel und beliebt, das lässt sich nach Ansicht aller jetzt schon sagen. Der Stammtisch hat vom Dienstag auf den Donnerstag umdisponiert, genießt, dass die Speisekarte den gastronomischen Wünschen der örtlichen Bevölkerung gerecht wird und wagt sich immer wieder auch mal an Neues. Frank Nuscheler hingegen hat den missionarischen Eifer von früher in Sachen Bio durch mehr nachhaltigen Pragmatismus ersetzt und kann sich einfach darüber freuen, dass die Schwelle zu seinem „Hirsch“ für die Schollbrunner so niedrig wie nie geworden ist.

Info: Landgasthof Hirsch, Martin-Luther-Straße 4, 69429 Waldbrunn-Schollbrunn, Telefon 06274 95180, www.derBiohirsch.de